Multiple Sklerose (MS) verläuft individuell. Und genau deshalb ist es schwer, ein einheitliches Therapieprogramm zu finden, das Medikamente, Bewegung, Schlaf und psychisches Wohlbefinden gleichzeitig adressiert. Mit levidex steht seit Januar 2023 eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zur Verfügung, die genau diese Lücke füllen soll. Dieser Artikel erklärt, was die levidex-DiGA ist, wie sie wissenschaftlich abgesichert ist, was sie konkret leistet, für wen sie geeignet ist und wie der Weg zum Rezept aussieht.
levidex: Das Wichtigste kurz gefasst
- Was levidex ist: Eine vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dauerhaft zugelassene Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für Erwachsene mit Multipler Sklerose.
- Wie es wirkt: In einer klinischen Studie verbesserte das Programm zusätzlich zur Standardversorgung die MS-bezogene Lebensqualität nach sechs Monaten deutlich.
- Was es macht: Über strukturierte, virtuelle Gespräche zu Stressbewältigung, Bewegung, Ernährung und Schlaf vermittelt die DiGA Techniken der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) und Empfehlungen zur Lebensführung bei MS.
- Wie der Zugang läuft: Die Verordnung erfolgt durch ärztliche oder psychotherapeutische Praxen über das Muster-16-Rezept. Nach Einreichen bei der Krankenkasse erhältst du einen Freischaltcode für das Programm.
- Was es kostet: Für gesetzlich Versicherte ist die Nutzung kostenfrei. Die Krankenkasse trägt 247,81 € pro Verordnung für 90 Tage Nutzungsdauer.
- Was es nicht ist: levidex ist kein Ersatz für eine medikamentöse MS-Therapie, keine Psychotherapie und keine Physiotherapie. Es ist ein ergänzendes Selbstanwendungs-Programm.
Was ist levidex – und was ist es nicht?
levidex ist eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für Menschen mit Multipler Sklerose. Eine DiGA ist eine vom BfArM geprüfte digitale Anwendung, die Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung leisten soll. Die Anwendung wurde am 7. Januar 2023 in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen und ist dort als dauerhaft zugelassen gelistet.
Die DiGA levidex ist eine Webanwendung. Das bedeutet, dass du sie über einen Browser auf Computer, Tablet oder Smartphone nutzt. Eine App im klassischen Sinn gibt es nicht. Der Begriff „MS-App auf Rezept" hat sich aber als Suchbegriff etabliert und wird auch im DiGA-Kontext häufig verwendet.
Was levidex von normalen Gesundheits-Apps unterscheidet
In den App-Stores finden sich viele Anwendungen zu MS – von Symptomtagebüchern bis zu Bewegungstrackern. Diese sind in der Regel keine Medizinprodukte und deren Kosten werden nicht von Krankenkassen erstattet. Eine offizielle DiGA unterscheidet sich in drei Punkten:
- Medizinproduktzulassung: Das Programm ist als Medizinprodukt der Risikoklasse I nach der EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) zertifiziert.
- Wirksamkeitsnachweis: Vor der dauerhaften Aufnahme musste das BfArM einen positiven Versorgungseffekt nach den Kriterien des § 139e SGB V bestätigen. Die Grundlage war eine randomisiert-kontrollierte Studie.
- Erstattungsfähigkeit: Alle gesetzlichen Krankenkassen tragen die Kosten, sofern die entsprechende Diagnose (ICD-10 G35: Multiple Sklerose) vorliegt.
Was die Anwendung ausdrücklich nicht ist
Diese Abgrenzung ist wichtig, weil viele Anwender:innen sich von einer App auf Rezept Genesung oder eine Ersatztherapie erhoffen:
- Die DiGA ist keine Alternative zu einer verlaufsmodifizierenden Therapie wie zum Beispiel Interferon-Präparaten, Glatirameracetat oder monoklonalen Antikörpern.
- Sie ist kein Ersatz für eine Psychotherapie, auch wenn das Programm Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie nutzt.
- Sie ist kein Ersatz für Physiotherapie oder andere bewegungstherapeutische Maßnahmen.
- Die Zweckbestimmung im DiGA-Verzeichnis ist klar: ergänzender Einsatz zur sonst üblichen medizinischen Versorgung, zur reinen Selbstanwendung.
Wie funktioniert die Anwendung im Alltag?
Die DiGA ist als dialogbasiertes Online-Programm aufgebaut. Du führst ein virtuelles Gespräch mit der Anwendung, beantwortest Fragen aus vorgegebenen Optionen und erhältst auf dieser Basis individuelle Empfehlungen, Übungsblätter und Audios. Die Gespräche passen sich deinen Antworten an – das Programm reagiert also auf deinen persönlichen Verlauf und deine Schwerpunkte.
Die Inhalte verteilen sich auf vier thematische Säulen, die auf den Erkenntnissen der Psychoneuroimmunologie und der Kognitiven Verhaltenstherapie aufbauen:
- Psychisches Wohlbefinden: Stressbewältigung, Umgang mit Erschöpfung (Fatigue), Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie, Techniken gegen Grübelschleifen.
- Ernährung: Wissen über entzündungshemmende Ernährungsweisen und ihren möglichen Stellenwert bei MS.
- Bewegung: Strukturierte Trainingspläne mit Anpassung an MS-typische Belastungsgrenzen, Übungsblätter zum Ausdrucken.
- Gesunder Schlaf: Schlafhygiene, Umgang mit MS-bedingten Schlafstörungen, Routinen für besseres Einschlafen.
Zum Programm gehören neben den Modulen ausdruckbare Trainingspläne und Audios, die auch lange nach Abschluss eines Themenkomplexes weitergenutzt werden können.
Wie viel Zeit kostet das Programm?
Die Verordnungsdauer im DiGA-Verzeichnis beträgt 90 Tage. In diesem Zeitraum nutzt du die Anwendung in deinem eigenen Tempo. Eine konkrete Mindestnutzungsdauer pro Woche schreibt die DiGA nicht vor – allerdings basieren die Studienergebnisse auf einer Nutzungsdauer von durchschnittlich sechs Monaten. Wer das Programm über 90 Tage hinaus nutzen möchte, kann nach Ablauf eine erneute Verordnung erhalten.
Studiendesign der Studie
Das ist die wichtigste Quelle für die Wirksamkeit. Die Eckdaten:
- Studientyp: Prospektive, parallele, zweiarmige randomisiert-kontrollierte Studie (RCT).
- Teilnehmer:innen: 421 Erwachsene mit MS-Diagnose seit mindestens einem Jahr. Durchschnittsalter 47,5 Jahre, 78,1 % Frauen.
- Interventionsgruppe: 195 Personen mit Standardversorgung plus die DiGA levidex.
- Kontrollgruppe: 226 Personen mit Standardversorgung plus zugängliches Lifestyle-Informationsmaterial der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG).
- Primärer Endpunkt: MS-bezogene Lebensqualität nach 6 Monaten, gemessen mit dem Hamburg Quality of Life Questionnaire in Multiple Sclerosis (HAQUAMS).
Was die Studie konkret gezeigt hat
Die Ergebnisse sind solide, der Effekt ist allerdings nicht groß. Eine ehrliche Einordnung:
- MS-bezogene Lebensqualität (HAQUAMS, primärer Endpunkt): Adjustierte Mittelwertdifferenz −0,14 (95% CI: −0,22 bis −0,06), p = 0,001; Cohen’s d = 0,23 (kleiner Effekt).
- Subskala Kognition: Deutliche Verbesserung in der Interventionsgruppe.
- Subskala Stimmung: Deutliche Verbesserung in der Interventionsgruppe.
- Krankheitstage (Median): 2 Tage (Interventionsgruppe) vs. 6 Tage (Kontrollgruppe).
- Unerwünschte Ereignisse: Keine.
Wichtig zur Einordnung: Ein Cohen’s d von 0,23 ist ein kleiner Effekt. Das heißt nicht, dass die Wirkung unbedeutend wäre – im Bereich digitaler Selbstanwendungen ohne Therapeutenkontakt sind solche Effekte plausibel und relevant. Es bedeutet aber: Die Anwendung ist kein Wundermittel und ersetzt keine wirksame medikamentöse Therapie. Die Studienautor:innen folgern, dass das Programm ein wirksames, ergänzendes nicht-medikamentöses Behandlungselement zur Standardversorgung sein kann.
Für wen ist die DiGA geeignet – und für wen nicht?
Die DiGA richtet sich laut DiGA-Verzeichnis an Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren mit der gesicherten Diagnose Multiple Sklerose (ICD-10: G35). Die Anwendung ist für verschiedene Verlaufsformen der MS einsetzbar – darunter die schubförmig-remittierende MS (RRMS), die sekundär chronisch-progrediente MS (SPMS) und die primär chronisch-progrediente MS (PPMS). Eine Einschränkung auf bestimmte Krankheitsschweregrade oder einen bestimmten Zeitpunkt nach Diagnosestellung gibt es nicht.
Wann das Programm besonders sinnvoll sein kann
- Bei eingeschränkter MS-bezogener Lebensqualität – die LAMONT-Studie zeigte hier den größten Nutzen.
- Bei Fatigue, kognitiven Einschränkungen oder depressiver Stimmung als Begleitsymptome.
- Wenn du aktiv etwas im Alltag tun möchtest und dafür ein strukturiertes Programm bevorzugst.
- Wenn du eine ergänzende, nicht-medikamentöse Maßnahme zur bestehenden Therapie suchst.
Wann die DiGA weniger geeignet ist
- Bei akutem Schub: Ein neu aufgetretener oder verschlechterter neurologischer Befund (z.B. plötzlicher Sehverlust, Lähmungen, starker Schwindel) gehört umgehend in die neurologische Praxis oder die Notaufnahme. Die Anwendung ist kein Werkzeug für akute Situationen.
- Bei schwerer Depression oder Suizidalität: In diesen Situationen ist eine fachärztliche oder psychotherapeutische Versorgung notwendig. Das Programm kann die KVT-basierte Hilfe ergänzen, aber nicht ersetzen.
- Ohne MS-Diagnose: Eine Verordnung setzt eine bestätigte oder zumindest verdachtsmäßig vorliegende G35-Diagnose voraus.
- Bei starken kognitiven Einschränkungen: Wenn das selbstständige Lesen und Bearbeiten von Online-Gesprächen nicht möglich ist, ist eine therapeutisch begleitete Versorgung die bessere Wahl.
Wie erhalte ich levidex auf Rezept?
Der Weg von der Verordnung bis zur Nutzung gliedert sich in vier Schritte. Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung haben einen Rechtsanspruch auf die Versorgung mit DiGAs nach § 33a SGB V (KBV 2026).
- Sprich deine Praxis an. Neurologische Praxen, hausärztliche Praxen sowie Psychotherapeut:innen können das Programm verordnen. Alternativ kannst du als Versicherte:r direkt einen Antrag bei deiner Krankenkasse stellen, sofern eine MS-Diagnose bereits vorliegt.
- Verordnung wird ausgestellt. Die Verordnung erfolgt über das Formular 16 (Muster-16) oder zunehmend als E-Rezept. Die Pharmazentralnummer (PZN) lautet 18467678. Die Verordnung ist für die verordnende Praxis budgetneutral – sie geht nicht zu Lasten des Arznei- oder Heilmittelbudgets.
- Einreichen bei der Krankenkasse. Du reichst die Verordnung bei deiner gesetzlichen Krankenkasse ein. Die Kasse prüft den Versichertenstatus, generiert einen Freischaltcode und stellt diesen bereit – meist per Post, zunehmend digital über die Krankenkassen-App.
- Freischaltcode eingeben und starten. Du rufst die Webanwendung unter levidex.com/de-de auf, gibst den Freischaltcode ein und beginnst mit dem Programm. Eine Installation einer App ist nicht erforderlich.
Anders als bei einigen Medikamenten besteht für DiGAs keine Zuzahlungspflicht – auch keine Praxisgebühr oder vergleichbare Eigenbeteiligung (KBV 2026). Eine Ablehnung kann es geben, wenn keine passende Diagnose vorliegt oder bei privaten Krankenversicherungen, die DiGAs unterschiedlich erstatten. Bei privater Versicherung lohnt eine vorherige Rücksprache mit dem Versicherer.
Digitale Unterstützung bei Multipler Sklerose: levidex
Du möchtest aktiv etwas für dein Wohlbefinden tun und suchst nach wissenschaftlich fundierter Unterstützung im Umgang mit Multipler Sklerose?
levidex begleitet dich mit interaktiven Dialogen, praktischen Übungen und alltagsnahen Strategien rund um Bewegung, Stressbewältigung, Schlaf und Lebensstil.levidex ist für Menschen mit Multipler Sklerose auf Rezept erhältlich und wird von den gesetzlichen Krankenkassen vollständig übernommen. So kannst du direkt starten – flexibel von zu Hause und ergänzend zu deiner bestehenden Behandlung.
Fazit – Für wen lohnt sich levidex?
Multiple Sklerose betrifft weit mehr als nur das Nervensystem. Viele Betroffene stehen im Alltag vor Herausforderungen wie Fatigue, Stress, Schlafproblemen oder dem Wunsch, selbst aktiv etwas für ihre Gesundheit zu tun. Genau hier setzt levidex an.
Die Digitale Gesundheitsanwendung vermittelt wissenschaftlich fundierte Strategien aus der Kognitiven Verhaltenstherapie sowie Erkenntnisse zu Bewegung, Ernährung, Schlaf und Stressbewältigung. Die bisherigen Studiendaten zeigen, dass levidex die Lebensqualität von Menschen mit MS verbessern kann – insbesondere als Ergänzung zur regulären medizinischen Versorgung.
Wichtig ist jedoch: levidex ersetzt weder Medikamente noch neurologische Betreuung. Die Anwendung versteht sich vielmehr als zusätzlicher Baustein, der Menschen mit MS dabei unterstützt, ihren Alltag selbstbestimmter zu gestalten und gesundheitsfördernde Gewohnheiten langfristig aufzubauen.